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Der Aufruf kam kurzfristig: Collegium Musicum sowie Marien- und Martinikantorei hörten die Einladung beim Mittagessen im Gemeindehaus nach dem Auftritt im WDR-Radiogottesdienst zu Himmelfahrt. Der Mindener Jazzchor bekam Montag eine E-Mail und der Kammerchor erfuhr es bei der Probe am Abend vor dem 21. Mai 2015.

Trotzdem fanden sich an diesem »Internationalen Tag der kulturellen Vielfalt«, den der Deutsche Kulturrat und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum bundesweiten Aktionstag gegen die Deregulierungs­abkommen TTIP und CETA ausgerufen hatten, zahlreiche SängerInnen und InstrumentalistInnen vor dem Mindener Stadttheater ein.

Obwohl sie sonst die Politik lieber Menschen überlässt, die davon so viel verstehen wie sie vom Orgelspiel, leitete die junge Kantorin der St. Marienkirche das Einsingen an.

Der Leiter des Jugendsymphonieorchsters am Ratsgymnasium kam mit zwei jungen Bläsern, und mit dieser instrumentalen Unterstützung traute sich auch die Geigerin, ihr Instrument auszupacken. Es spielte keine Rolle mehr, dass es keinen Strom für das Keyboard gab, weil die Intendantin des Theaters ihr Angebot, das TheaterCafé für Infostand und Aktion zur Verfügung zu stellen, auf Druck des Verwaltungsvorstands der Stadt zurückziehen musste. Geige, Saxophon und Trompete konnte man auch so bis zur Glacis-Brücke, zum Markt und in die Obermarktstraße hinein hören.

Einige SängerInnen hatten vorausschauend zusätzliche Noten für Bürgerinnen und Bürger mitgebracht, die erst morgens in der Zeitung von diesem improvisierten Flashmob gelesen hatten oder auch nur zufällig vorbei gekommen waren. Als um 18.30 Uhr die ersten Theaterbesucher Richtung Eingang liefen, sahen sie diesen flankiert von einem Aufgebot an Sängern und Musikern, inzwischen angewachsen zu Chorstärke. Einen weltläufigen Anstrich bekam das Gesamtbild durch die Filmpreisträger Frank und Xenia Erdmann mit ihrem Equipment – die übrigens freundlicherweise schon mal Standfotos ihrer Filmaufnahmen für diesen Artikel zur Verfügung gestellt haben!

Die Mindener Filiale der Buchhandelskette Thalia wollte keinen Büchertisch zum Thema aufzustellen und die Buchhandlung am Dom war bereits durch das Ausdrucken des Plakats, das der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eigens auf seiner Webseite bereit gestellt hatte, an ihre Grenzen gekommen.

Aber Minden wäre nicht Minden, wenn es sich durch solche Widerstände entmutigen ließe: Wer wollte, konnte – und kann! – sich in der kleinsten Buchhandlung der Stadt mit Büchern und Informationen zum Thema durch die Inhaberin des »Bücherwurms« in der Alten Kirchstraße informieren lassen. Kuckst Du – geht doch …

Das Mindener Tageblatt hatte von sich aus eine junge Journalistin geschickt, deren Fragen man die gute Vorbereitung anmerkte. Die Informationen, die ihr noch fehlten, konnte sie der großzügig verteilten Zeitung entnehmen, für die Mitglieder des Mindener und Bielefelder Bündnisses gegen TTIP, CETA und TiSA fast schon professionelle Hintergrundrecherchen betrieben hatten.

Die Musik schließlich war ein flammendes Bekenntnis: zu Europa, für die kulturelle Vielfalt in unserem Land und in unserer großartigen kleinen Stadt – und zu unseren kulturellen Wurzeln. Das Hauptstadtbüro der Deutschen Orchestervereinigung hatte uns ausdrücklich erlaubt, ihre Partitur mit dem Text für den Protestsong zu verwenden und zu vervielfältigen, zu dem sie die Europahymne umgeschrieben hatten. Schiller und Beethoven, die Revolutionäre unter den klassischen Dichtern und Komponisten und Urheber der Europahymne wären stolz auf uns gewesen.

Ob wir allerdings das Weiterleben nach dem Tode so konkret fassen dürfen, dass wir annehmen dürfen, die beiden Großmeister der europäischen Kultur hätten uns von einer Wolke aus applaudiert, das habe ich in der Aufregung vergessen die drei Pastoren zu fragen, die mitgesungen haben. An Beethoven und Schiller sollte es vermutlich nicht scheitern ...